Dienstag, 20. Oktober 2009

Josiah und Joëls (Inter-)Bike-Weekend

"Schreibst Du eigentlich noch Deinen Blog?" werde ich immer wieder gefragt? Ja, eigentlich schon, ich komme einfach nicht dazu, weiss gar nicht recht warum, denn so streng hab ich es gar nicht... Jedenfalls sitze ich im Zug nach San Francisco an die erste Konferenz und das ist eine gute Gelegenheit mal wieder einen Blog-Eintrag zu schreiben und ein paar Fotos hochzuladen, denn die Zugreise dauert insgesamt fast 9 Stunden.


To bike or not to bike?
Ich möchte in diesem Beitrag einen Monat zurückschauen, nämlich auf das Wochenende vom 25. bis 27. September als es Josiah und mich nach Las Vegas an die Interbike zog. Seraina war für zwei Wochen nach Mexiko gereist um dort zu recherchieren und erste Befunde ihrer Doktorarbeit an einer Konferenz in Morelia zu präsentieren. So war es Josiah und mir selbst überlassen was wir machen wollten und wir entschieden uns fürs Schule schwänzen und nach Las Vegas gehen. Ganz wie man es von einem verantwortungsvollen Vater ja auch erwarten würde... Naja, ganz so leicht habe ich die Entscheidung nicht genommen bzw. ich hab sogar - gegen Empfehlung von "locals" die fanden man müsse niemanden fragen, wenn man das Kind aus der Schule nehme - die Lehrerin kontaktiert ob ich Josiah schon am Donnerstag an eine "wichtige Besprechung" mitnehme könne, denn ich sei alleine mit Josiah und könne ihn nicht gut zurücklassen. Etwas peinliche Formulierung, denn gleichentags hat Josiah die Lehrerin gefragt ob er an die Interbike Messe nach Las Vegas gehen könne. Natürlich ist die Interbike nicht einfach eine Messe sondern die grösste und wichtigste Zweiradmesse der Welt wo einfach alle anzutreffen sind und immer die neusten Produkte fürs kommende Jahr vorgestellt werden, aber ob das die Lehrerin auch so sah? Sie sah es auch so und fand es ok wenn Josiah einen Tag fehlte, insbesondere auch weil Josiah bis jetzt gar keine Probleme hat dem Unterricht zu folgen und weil es ihr scheinbar schon zu Ohren gekommen ist, dass Biken für Josiah alles bedeutet :-) Jedenfalls sind wir am Donnerstag Nachmittag gleich nach der Schule losgeblocht und sind abends im blinkenden Las Vegas angekommen. Erstaunlicherweise brauchten wir nur schon 2 bis 3 Stunden um überhaupt mal aus Los Angeles rauszukommen, für den viel viel längeren Teil durch die Wüste brauchten wir dann keine 3 Stunden mehr.


In Las Vegas darf man eigentlich nur nachts ankommen, sonst wird das nichts. So direkt von der Autobahn runter auf den "Strip" wo alle Hotels und Casinos sind, wo alles blinkt und glitzert, das ist schon ein besonderes Erlebnis. Ich hatte mich aus nostalgischen Gründen für das Luxor Hotel entschieden, denn als ich 1993 das erste Mal hier war, wurde gerade an diese riesigen Pyramide gebaut. Ich habe sogar noch ein altes Foto gefunden und man sieht, dass vor über 15 Jahren das Luxor einfach mitten in die Wüste gebaut wurde und ziemlich "unreal" aussah. So wollte ich - scheiss auf den Preis der mit 140.- pro Nacht nicht ganz billig war - unbedingt dort hin und schauen wie es heute aussieht. Und es sieht schon noch eindrücklich aus, wenn man durch die Sphynx reinkommt aber alles in allem sehen die meisten Hotels etwa gleich aus. Die Zimmer sind alle überdimensional gross doch monoton und in allen Hotels etwa gleich aussehend. Witzig war noch, dass die Fenster eine einzige abgeschrägte (man war ja am Rand einer Pyramide) Glasfront sind und da Josiah an der Reception der Dame begeistert erzählt hat, dass er das erste Mal hier sei, gabs auf unsere Bitte hin auch ein Zimmer gaaaanz weit oben, irgendwo im 30 oder 40 Stock wo man schön über Las Vegas sah. Den Abend verbrachten wir dann mit TV zappen und Roomservice auskosten (auch das überdimensional, sowohl in den Mengen als auch im Preis... leider...). Während Josiah schon schlief surfte ich noch ein bisschen auf der Interbike-Website und oh Schreck, die Interbike war eine reine Händler-Messe. Etwas improvisiert füllte ich um Mitternacht noch ein Anmeldeformular aus in welchem ich mich als Mitarbeiter einer Bike-Firma eines Kollegen aus der Kanti Zeit ausgab. Ich schickte ihm auch noch schnell ein Mail und hatte am kommenden Morgen auch schon seine Antwort und die war wenig ermunternd: "ja, das in LasVegas ist echt kacke mit der Registrierung..." und so weiter. Nicht gerade ermunternd...


Interbike 2009
Am kommenden Morgen musste ich Josiah beichten, dass wir allenfalls gar nicht reinkommen und ziemlich gestresst und nervös fuhren wir so ins Sands Convention Center wo soeben der letzte Tag der Interbike begonnen hatte. Man hatte meine Registrierung zwar erhalten doch verlangte man nach Ausweisen oder Handelsregisterauszügen oder zumindest einer Visitenkarte mit meinem Namen und dem Firmenlogo drauf. Natürlich hatte ich nichts vorzuweisen und es sah düster aus, bis die eine Dame am Empfang plötzlich zu Josiah sagte "You look so cute, I'm just gonna give you guest passes for today and you'll be my guests!". So einfach geht das wenn man einen Sohn hat der den Hundeblick beherrscht. Hocherfreut, wenn auch etwas neidisch, nahm ich die beiden Pässe in Empfang und ab gings, rein in die erste Halle wo uns tausende von Bikes aller Arten empfingen.


Die Interbike ist wirklich ein Sammelpunkt für alle und alles: Die freakigen Kleinfirmen, die in mühsamster Handarbeit ein paar Rahmen pro Jahr herstellen sind ebenso vertreten wie die Chinesen die versuchen Deals für Schiffsladungen voll Billigstkomponenten in Las Vegas zu verhökern. Die Rennveloszene, die Tourenfahren, die Alltagsfahrer, die Mountainbiker, die Dirtjumper, die BMX-er, einfach alle haben sie ihre Vertretungen an der Interbike und stellten die neusten Produkte fürs 2010 vor. Und natürlich immer die passenden Stars dazu. So traf Josiah praktisch alle seine Vorbilder, Cam McCaul, Andreu Lacondeguy, Darren Berrecloth, Robbie Bourdon, Graham Agassiz und wie sie alle heissen. All die Jungs die ich jeweils in Josiahs Bike Filmen habe durch die Luft wirbeln sehen waren dort und Josiah sprach sie alle mehr oder weniger selbstbewusst an und erhielt Handshakes, Autogramme und coole Photos.





Natürlich gingen wir immer wieder am Freeride Entertainment Stand vorbei wo der neuste und letzte der ultimativ hippen New World Disorder (NWD) Bikefilme vorgestellt wurde und immer wieder mal einer der Fahrer anzutreffen war. Teilweise teilten Josiah und ich uns auf, er frönte dem NWD 10 während ich staunte über die Bikes aus Bambus, aus Draht, mit Riemenantrieb und was es sonst noch so alles zu bestaunen gab. Am Schluss wurden wir noch zeugen einer abgefahrenen Grind-Session eines BMXlers der vor versammelter Fangemeinde kurzerhand zum WC runterslidete (und ich das Glück hatte ihn perfekt mit der Kamera zu erwischen). So verbrachten wir von 9 bis 18 Uhr fast 10 Stunden stehend und Kilometer ablaufend an der Interbike und ich war ziemlich fix und fertig als wir endlich im Hotel ankamen und aufs Bett hängen konnten...


Las Vegas by Night
Doch lange ausruhen lag nicht drin, denn es war Freitagabend und unsere letzte Nacht in Las Vegas. So gings auf Schusters Rappen noch ein paar Kilometer mehr durch Casinos den Strip runter, Flippern, Videogames und was es sonst noch für unter 21-jährige im Angebot gab, denn ich durfte mit Josiah zwar durch die Casinos gehen - die Fussgängerzone in Las Vegas verläuft praktisch Mitten durch die Casinos :-) aber wir durften nirgends stehenbleiben wo es nach Geldspiel aussah. Doch auch so gibts noch genug zu sehen, die Wassershow des Bellagio, der Vulkan des Mirage etc. Kurz vor Mitternacht fielen wir dann beide todmüde ins Bett und waren ziemlich glücklich über den erfolgreichen Tag der so gestresst und genervt begonnen hatte.





Bootleg Canyon in Boulder City, NV
Samstag war für uns der Tag an dem wir weiterziehen wollten. Nicht bevor wir noch das Pool ausgecheckt hatten, denn wir waren ja Mitten in der Wüste und es war schon morgens um 9 Uhr sicher weit über 30 Grad. Später sollte das Thermometer dann noch auf über 40 Grad ansteigen und so war es nichts als Normal den Tag mit einem kühlen Bad im Pool zu beginnen. Erstaunlich war, dass bereits zu dieser "frühen" Morgenstunde die Serviererinnen mit "Cocktails, Cocktails" auf den Lippen zwischen den Gästen ihre Runden machten. Sich um 9 Uhr im Pool mit betrinken beginnen, thats Las Vegas und so wars dann auch ok für uns auszuchecken und ab in Richtung Wüste zu fahren. Unser nächstes Ziel hiess: Bootleg Canyon, der legendärste Biker-Ort im Umkreis von vielen hundert Kilometern. Hier geht alles was Rang und Namen hat hin zum downhillen, dirtjumpen, cross-country fahren, die coolsten Bike-Filme werden hier gedreht und wenn man irgendwas mit Bike am Hut hat muss man einfach hierhin. Nur nicht im Sommer... Bei über 40 Grad, mitten in der Wüste... Bootleg Canyon ist bekannt als der Ort an dem die Bike-Stars überwintern, vor November ist hier eigentlich nicht viel los aber was will man machen, wir waren hier, eine knappe Stunde von Boulder City und seinem Bootleg Canony entfernt, wir mussten einfach dort hin, schliesslich hatten wir ja extra unsere Bikes mitgenommen!


Wir waren relativ zackig in Boulder City, NV und so verbrachten wir den Rest des Tages mit Hoover Dam besichtigen, shoppen, in Cafes hängen und im lokalen Bike-Shop News einholen. Kurz vor Sonnenuntergang wagten wir uns dann in den Bootleg Canyon und drehten trotz Hitze unsere Runden auf den Schanzen, Wippen und North-Shores. Nach Sonnenuntergang wirds ziemlich rasch dunkel in der Wüste und wir verzogen uns auf den höchsten Punkt des Bootleg Canyons (was ja dann kein Canyon mehr ist sondern eher ein Hill) wo wir auf dem Kehrplatz unser Zelt aufschlugen. Atemberaubende Aussicht, auf der einen Seite der Blick in die dunkle Wüste, auf der anderen Seite volle Aussicht auf das Lichtermeer von Las Vegas. Leider waren wir nicht die einzigen die an diesem Samstagabend den Ausblick auf Las Vegas geniessen wollten und so teilten wir den Abend mit zwei, drei anderen Autos die dort entweder zum biersaufen oder zum rumknutschen raufkommen. Die Gruppe von Biersäufern war eigentlich ganz nett und gegen 22 Uhr verzogen sie sich auch wieder und wünschten uns eine gute Nacht, das Pärchen hingegen musste volle Pulle übelste Popmusik vom Autoradio dröhnen lassen (wohl um andere Geräusche zu übertönen?) und irgendwann ging Josiah ganz mutig hin (als feiger Vater schickte ich Josiah voraus und sagte ihm er solle es wieder mit seinem Hundeblick versuchen, der zieht bei Frauen immer...) und fragte ob sie nicht die Musik leiser machen könnte worauf sie "yeah sure" die Musik sogleich abstellten und wir schlafen konnten. Am nächsten Morgen war ich noch vor Sonnenaufgang um halb 6 oder so wach und siehe da, das Pärchen war noch immer da... Ob sie auch hier geschlafen hätten? Ah nein, geschlafen hätten sie nicht, vom Radio hören sei ihre Batterie leer geworden und sie hätten sich nicht getraut uns zu stören aber ob wir nicht ein Jumper-Kabel hätte um das Auto zu starten... *grins* Ja klar, und so verzogen sich die beiden währen Josiah und ich uns für unseren Bike-Morgen vorbereiteten. Im Bike-Shop meinten sie, dass man bis ca. 9 oder 10 Uhr fahren könne, deshalb ist es eine gute Idee schon um 6 Uhr loszulegen, denn die Temperaturen erst warm und noch nicht heiss sind.


Das taten wir dann auch und ich muss sagen, die Bike-Pisten dort sind wirklich 1A. Wir sausten den Canyon runter über Sand und Geröll, zwischen Kakteen und Sträuchern, so wie wir es bisher nur aus den Bike-Filmen kannten. Es war cool mal in einer völlig anderen Landschaft und auf einem völlig anderen Untergrund zu biken. Obwohl wir nicht die einzigen waren die an diesem frühen Sonntag Morgen dort die Pisten runterbikten, waren wir praktisch die einzigen die auf den Downhill-Pisten fuhren, fast alle anderen drehten ausschliesslich auf den technisch weniger anspruchsvollen Cross Country Pisten ihre runden. Und ich muss sagen, nicht zu unrecht, denn obwohl wir uns fast nur mit den Intermediate-Pisten begnügten, waren diese teilweise fast schon das Limit für mich. Und trotz Vollpanzermontur will man auf diesen spitzigen Steinen nicht umfallen... Fazit: Cool und anspruchsvoll, hier müssen wir im Winter nochmals herkommen!





Ab in die Berge: Big Bear
Nachdem wir das Glück hatten zweimal einen "guten Engel" zu finden der uns wieder rauffuhr war dann um 10 Uhr Schluss. Zu heiss, zu viel Sonne, zu extrem. Wir packten unser Zeugs ein und waren uns nicht einig wie es weitergehen sollte, denn Josiah hatte - jüdischer Feiertag sei Dank - am Montag auch noch frei. Hierbleiben oder schon zurück Richtung LA? Falls wir hier bleiben, was machen den ganzen Tag? Falls wir Richtung LA fahren, wo hin? Schlussendlich fuhren wir zurück nach LA und bogen bei "Lucerne Valley" ab in die Berge nach Big Bear. Diesen Winterskiort hatte ich bei meinem letzten Kalifornienaufenthalt vor 15 Jahren auch schon besucht und war damals begeistert von der angenehm kühlen Luft, den bewaldeten Hügeln und dem schönen See. Wir fuhren einen Tag lang durch die Wüste und erreichten gegen Abend die Berge um dann im Dunkeln am Big Bear Lake endlich unser Zelt aufschlagen zu können und unsere Subway-Sandwiche nun leicht fröstelnd - krass diese Temperaturgegensätze! - im Schlafsack auf 2000m zu verschlingen.





Am Montag Morgen gabs dann wieder Diskussionen, denn die Bahn transportiert zwar Bikes, ist aber in der Zwischensaison nur Samstag/Sonntag geöffnet und heute ware ja Montag. So überredete ich Josiah schliesslich zu einer Cross Country Tour und obwohl (oder gerade weil?) ich mich in den Distanzen verschätzte und wir die ursprünglich geplante Tour dann abkürzen mussten, wars super schön in den Wäldern von Big Bear. Hätte es nicht schon geschneit dort anfangs Oktober, wäre ich zu gerne nochmals dorthin gegangen zum biken, denn Trails sind flowig und machen unglaublich Spass. Kein gehacke wie man es von den Alpen kennt sondern man "fliesst" (flow...) wirklich die Hänge runter, von einer Kurve zur nächsten, zwischen den Nadelbäumen hindurch mit viel Speed über den sandigen Boden fliegend. Super!





Tja und das wars dann auch schon von unserem (Inter-)Bike-Wochenende, denn wir mussten ja noch durch ganz Los Angeles und von der Hinreise hatte ich noch böse Erinnerungen.


Weitere Photos habe ich auf Facebook publiziert (nein man braucht kein Facebook-Account um die Fotos zu sehen, einfach auf den Link klicken!):
Und hier noch Videos von Josiah im Bootleg Canyon:

Sonntag, 20. September 2009

Ein Nomade kehrt nach Hause

Wann ist man überhaupt ein Nomade? Und wo ist zuhause? Diese Fragen habe ich mir in den letzten Wochen gestellt als ich von Los Angeles zurück nach Zürich geflogen bin. Man kommt zurück in die Heimatstadt und hat keine Wohnung mehr. So habe ich bei Freunden und Familie gewohnt und musste jeden Morgen überlegen: Wo schlafe ich heute Abend? Was muss ich mitnehmen? Was lasse ich wo? Zum Glück ist Zürich so klein und überschaubar.

Nach Zürich zurück ging ich anfangs September um den OLAT User Day zu organisieren. Was ist OLAT? OLAT ist eine open source Lernplattform, also eine Software um e-learning Kurse zu erstellen, online Prüfungen durchzuführen, Kollaboration und Gruppenarbeit via Internet etc. OLAT wird an der Universität Zürich entwickelt und natürlich auch eingesetzt und - ich hoffe das wissen die meisten von euch - ich arbeite ja an der Universität Zürich im OLAT Team. Da OLAT weltweit verbreitet ist organisieren wir regelmässig Events in Zürich um die Community zusammenzubringen. Im Frühling 2008 hatte ich eine dreitätige OLAT Konferenz in Zürich organisiert und am Freitag, 11. September 2009 eben den OLAT User Day an welchem zugleich der 10. Geburtstag von OLAT gefeiert wurde.

Der Event wurde am Donnerstag Abend bei schönstem Spätsommerwetter mit einem Warm-Up Cocktail (Photos) in der Rio Bar eröffnet. Am Freitag trafen sich dann die ca. 80 Gäste aus der Schweiz, Deutschland und Italien am Irchel zu einer "Unconference" (Photos). Die Idee hinter einer Unconference ist, dass es eine bestimmte Anzahl (mit Beamer, Pinwand etc. ausgestatteten) Seminarräume gibt und die Leute selber Themen vor Ort vorschlagen und Seminare abhalten können. Das Ganze läuft also spontan ab und hängt von der Motivation und vom Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ab. Ich hatte diese Art von Konferenz im letzten Oktober beim Google Summer of Code Mentoren-Treffen im Google Hauptquartiert in Mountain View miterlebt und fand es super. Natürlich gab es Bedenken, dass Zürich nicht Kalifornien sei (dazu mehr am Ende dieses Eintrages) und die Leute hier eventuell still und brav in ihren Sitzen bleiben würden und abwarten was passiert. Wir hätten für diesen Fall zwar einen Backup-Plan vorbereitet aber es wäre ziemlich uncool gewesen. Jedenfalls wurden die Leute dann wirklich aktiv, trafen sich in verschiedenen Sessions, diskutierten, präsentierten, philosophierten und lernten neue Leute aus dem Projekt kennen. Das Feedback der TeilnehmerInnen war jedenfalls sehr positiv und ich glaube den meisten die nach Zürich gereist sind hat es sehr gefallen.


Am Freitag Abend gabs dann ein grosses Geburtstagsfest für OLAT im Rimini. Die Rimini Bar ist jeweils im Sommer abends in der Männerbadi Schanzengraben. Lauschig gelegen gleich am bzw. im Fluss unterhalb des alten botanischen Gartens. Ich hatte den Ort ausgewählt um unseren Gästen nach einem Tag in stickigen Seminarräumen frische Luft zu gönnen und um Zürichs verborgene Perlen ein bisschen zu präsentieren. Im Gegensatz zur OLAT Konferenz, welche im März stattfand und wo ich beispielsweise Fondueessen in der Jurablickhütte auf dem Üetliberg und andere Winter-Anlässe organisierte, gabs diesmal ein Sommerprogramm. Aber Mitte September ist in Zürich nicht mehr wirklich Sommer und so war das Ganze etwas riskant, denn einmal gebucht und bezahlt (und im Rimini wird nicht zu knapp berechnet...) gabs kein zurück mehr. Doch wir hatten Glück, das Wetter stimmte und die Leute genossen es sichtlich (Photos). Der krönende Abschluss war dann eine 60cm Schoggi-Geburtstagstorte die im Sprüngli hatten machen lassen.


So war meine Arbeit eigentlich getan und die zweite Woche in Zürich kam ich mir auch ein bisschen nutzlos und überflüssig vor. Das merkte ich beispielsweise als ich eines morgens ins Büro kam und einfach kein Platz mehr frei war weil an diesem Tag alle (alle in unserem Team arbeiten Teilzeit und an verschiedenen Tagen) im Büro waren. Oder ich merkte, dass ich nicht mehr in Zürich richtig zuhause war als mich im Ausgang am Samstag Abend jemand fragte warum ich denn nicht am Young Gods Konzert sei? Man muss dazu wissen, dass ich ein "Young Gods Jünger" der ersten Stunde (das war ca. 1986...) bin und keine Band so oft gesehen habe wie die Young Gods. Jedenfalls spielten sie tatsächlich am letzten Samstag in Zürich in der Gessnerallee und Velo-sei-dank radelte ich sofort rüber und verpasste nur gerade die ersten 10 Minuten des Konzerts. Das ist das schöne an Zürich! In LA wäre das schwieriger, mit dem Velo sogar unmöglich.

Mein kurzer Besuch in Zürich endete am letzten Freitag, 18. September als ich am Flughafen Zürich den seit Marc Forsters Kurzfilm legendären Flug LX40 bestieg. Ein Non-Stopp-Flug ist schon eine feine Sache! Dazu muss ich vielleicht kurz ausholen und etwas über meinen Rückflug von LAX nach Zürich erzählen? Ein Flug der am 2. September in Los Angeles begann und am 4. September in Zürich endete. Das sagt wohl alles :-) Die erste Nacht war ein 4h Flug von LAX nach Washington DC wo ich mit Zeitverschiebung (man fliegt ja gegen die Sonne wenn man zurückkommt, die Tage sind also viel kürzer) um 7 Uhr landete. Dann 9h Aufenthalt in Washington (OK, ich hab dafür das erste Mal in meinem Leben das Weisse Haus und das Capitol gesehen, wenn auch ziemlich übermüdet nach einer Freinacht...) und um 18 Uhr Weiterflug nach Zürich wo ich wiederum morgens um 7 Uhr ankam. Zudem musste alles ausser nichtalkoholischen Getränken gekauft werden und es gab einen Film für alle (weiss nicht mehr mal was...).

LX40 hingegen ist das Gegenteil: Um 13 Uhr fliegt man in Zürich los und um ca. 16 Uhr landet man in Los Angeles. Das Bordunterhaltungsprogramm ist top, jeder wählt seine eigenen Filme aus, Food an Bord muss man nicht kaufen und auch die Drinks sind gratis. Der einzige Wermutstropfen: Ich sass neben einer sehr gesprächigen Mormonin... Und prompt redete sie auch weiter als ich begann den ersten Film zu schauen und auf die Frage hin was ich denn schauen würde und obs empfehlenswert sei musste ich ihr eingestehen, dass ich gerade "The Hangover" schaue... Nicht gerade der ideale Film für Mormonen, haha :-) So war mein zweiter Film "North by Northwest" der einfach jedes Mal wieder unglaublich gut ist. Irgendwann muss ich mir mal eine Hitchcock-Sammelbox zulegen!

Nun bin ich also wieder "back in Topanga" wo alles unglaublich "laid-back" ist. So waren wir gestern an der Einteilung der Fussball-Teams und ich hab Josiah und Seraina unglaublich gestresst weil ich befürchtete, dass wir zu spät kamen. Je nach Alter der Kinder gabs zu verschiedenen Zeiten eine Art Probetraining bzw. Einteilung in die Kategorien und die 11 und 12 jährigen wären um 11 Uhr an der Reihe gewesen. Natürlich waren wir die ersten und um 11 Uhr auch die einzigen. Der Coach kam auf uns zu und erklärte uns wie's läuft mit Fussball in Topanga: This is a non-competitive league, we dont count points, the kids do, there are no parents screaming on the side of the field, zwei Manschaften werden jeweils per Los erstellt weil wenn die Kinder ihre Mannschaften wählen sei das nicht gut etc. Und momentan sei noch gar niemand hier in seiner Kategorie aber diese würden schon noch kommen und den Anmeldezettel (den man bis gestern hätte ausfüllen müssen) hätte auch noch niemand ausgefüllt, das sei halt so eine Sache mit diesen Zetteln zum Ausfüllen, das mache niemand gerne in Topanga aber er würde dann noch ein paar Leuten die er kenne anrufen und deren Kids würden glaubs schon auch kommen und easy und überhaupt... Wozu nach Mexiko ziehen wenn man dasselbe auch in Topanga haben kann, haha :-) Jedenfalls kamen dann noch ein paar Kids in seiner Alterskategorie und haben auf dem Platz ein bisschen trainiert und Josiah hat dann noch munter mit den drei oder vier 13 und 14 jährigen weitertrainier weil ihm niemand sagte, dass sein Teil jetzt fertig sei :-) Ob er da nun wirklich mitmacht oder nicht weiss er noch nicht. We will see. Ich fände es jedenfalls amüsant samstags am Spielfeldrand mit Hippie-Eltern rumzustehen und einem non-competitve Fussballspiel zuzuschauen :-)

Da für uns (und die meisten andern hier wahrscheinlich auch...) der soziale Aspekt sowieso wichtiger ist als der Sport, wäre so ein Verein eine ideale Sache um neue Leute kennenzulernen. Josiah hat auch prompt ein "Playdate" erhalten gestern und geht am kommenden Dienstag mit einem der Jungs in eine Skaterhalle. Wusstet ihr was ein Playdate ist? Also ich mein ein Date, das kennt man ja, zwischen Erwachsenen oder Teenagern und so... Ein Playdate hingegen ist nur für Kinder, man trifft sich zum spielen. Ich weiss nicht ob ich jetzt jemanden sagen könnte, angenommen ich möchte einen Monopoly-Abend machen, lets do a Playdate. Das käme bei Erwachsenen vielleicht schräg rüber! Genau wie wenn ich jemanden ohne Hund für ein Fuckdate einladen würde. Denn - auch das habe ich gestern gelernt - es gibt auch Fuckdates und die sind nicht für Menschen. Seraina war am Strand mit Nachbars Hund spazieren als sie von einer Frau angesprochen: Such a cute dog und ob er kastriert sei und so - Nein - and we should do a Fuckdate sometime, I want puppies. Und als Seraina nach Hause kam mit einer Visitenkarte und der Einladung für ein Fuckdate war die Nachbarin hochentzückt, das sei ja super und Chuck (der Hund) hätte schon lange nicht mehr... und so weiter. Haha, Kalifornien... Schon recht lustig wenn man so unvermittelt in eine fremde Kultur hineingeworfen wird :-) Soviel für den Moment, das ist mehr als genug denke ich!

Sonntag, 16. August 2009

Video-Blog 1&2

Faceboo-User wissen: Seit wir (ähem... Seraina...) stolze Besitzer eines iPhone 3GS mit Video sind, beginne ich mit Videoblogs. Hier sind die beiden ersten Posts:

Freitag, 14. August 2009

Doch noch in letzter Sekunde auf ein anderes Haus gewechselt

Ich muss es gleich vorwegnehmen: Es lief anfänglich ziemlich Scheisse mit dem Haus mieten, denn kaum war der einjährige Mietvertrag für das Holzhaus unterzeichnet, da verdüsterte sich meine Laune und ich war plötzlich ganz und gar nicht mehr sicher ob das jetzt ein guter Schritt war... Warum? Einerseits weil wir noch ein bisschen mehr Einblick erhalten habe in die Nachbarschaft. Der etwas kleinere "Bikepark" weiter oben mit Schanzen und Hügeln entpuppte sich als Vergnügungspark von zwei fetten Amis die ihre ferngesteurten Benzinautos dort rumsausen lassen. Ich sah vor meinem inneren Auge schon zwei hochrote Fettgesichter die mich anschreien weil Josiah es gewagt hat mit dem Bike über ihre heissgeliebten Schanzen zu springen. Sind wir nicht genau nach Topanga gezogen um genau solchen Leuten aus dem Weg zu gehen? Vielleicht tue ich den Nachbarn ja unrecht, kennengelernt habe ich sie nicht, aber genau so war mein Gefühl...

Tja und bei der Wohnungsübergabe ging mir immer mehr der Laden runter, ebenso Seraina. Es begann damit, dass uns die Vermieterin bat, wenn wir doch Töpfe vorne auf der Veranda aufstellen würden - und wir sollen das doch tun das sähe so schön aus - dann bräuchten wir nicht nur die Unterteller sondern eben so kleine Füsschen damit die Unterteller nicht direkt auf dem Holz stünden. Und die Möbel drinnen die auf dem Parkett stünden bräuchten dann auch so kleine Filzfüsschen und auch der Spannteppich in den Schlafzimmern sei praktisch neu... Und die vielen Dachfenster die wir gern frei hatten - weil so viel schönes Sonnenlicht in die Wohnung gekommen wäre - die müssten vom Frühling bis Herbst jeweils abgedeckt sein weil sonst die Sonne den Parkett und die Möbel ausbleiche. Und und und... Fucking hell! Wir hatten gehofft, dass wir von den Vormietern einiges übernehmen konnten doch dem war nicht so, ausser ein paar Stühlen und einem hässlichen Sofa das sie uns für $500 verkaufen wollten war das Haus völlig leer. Selbst Internet, Telefon, TV-Anschluss etc. alles hätten wir bestellen müssen und womöglich Jahresverträge unterzeichnen müssen. Auch beim Haus selbst haben wir einen Jahresvertrag unterzeichnet obwohl ich bis jetzt erstmal nur ein Visum für 6 Monate hab...

Jedenfalls dämmerte es mir, dass dies nicht mein Ding ist und obwohl wir den Vertrag schlussendlich unterzeichnet hatten, wuchsen immer stärkere Zweifel auf. Am Abend war ich gar nicht in Festlaune und ich glaube das Wir-haben-ein-Haus-Abendessen in einem 24hour-Bowling-Diner-Restaurant gleich neben unserem unsäglichen Best-Western-Hotel irgendwo im nirgendwo war der Tiefpunkt unseres bisherigen Trips. Seraina hat immer versucht positiv zu sein und mir gut zuzureden doch in dieser Nacht überkam es sie, sie wachte um 3 Uhr auf und fand "das ist gar nicht gut, das war ein Fehler, was machen wir jetzt...?" Und so diskutierten wir eine Stunde um zu keinem Resultat zu kommen...

Am nächsten Morgen dann googlen: Kann man aus Verträgen aussteigen wenn man sich innerhalb von drei Tagen meldet? Es gibt Verträge wo man das kann, bsp. wenn man ein Haus kauft. Aber wenn man eins mietet? Wir habens nicht rausgefunden. Wir waren extrem verunsichert und irgendwann hab ich das Telefon genommen und der zweiten Frau angerufen deren Haus wir tags zuvor angeschaut hatten und die uns gleich am nächsten Tag zugesagt hatte. Ihr Haus war genial und ich hab ihr gesagt, dass wir einen Fehler gemacht hätten ihr abzusagen und ob es noch irgendeine Möglichkeit gäbe das Rückgängig zu machen. Und siehe da: Sie sei grad in einem Meeting und hätte nachher den anderen angerufen um ihnen zuzusagen aber natürlich können wir es noch haben! Yes! Schritt 1 ist geglückt.

Sehr verunsichert griff ich nun zum Telefon um der Besitzerin des Hauses anzurufen mit der wir am Abend zuvor einen Einjahresvertrag unterzeichnet hatten. Wir wird sie wohl reagieren? "Ist mir egal, nicht mein Problem, Vertrag ist Vertrag"? Oder verständnisvoll? Letzteres war zu meiner ganz grossen Erleichterung der Fall, ich war zwar nicht ganz so direkt wie hier in meinem Blog aber ich hab ihr versucht zu verstehen geben, dass wir uns dort nicht wohlfühlen würden, dass wir sicher mit den Nachbarn Streit hätten und, dass wir ihren hohen Ansprüchen eventuell nicht genügen könnten und sie dann auch unzufrieden wäre. Vermutlich zahlen wir ihr noch eine Abfindung, denn sie hatten allen anderen Leuten abgesagt, muss die Inserate neu schalten etc. aber das klären wir nächste Woche. Jedenfalls war ich sehr erleichtert, dass sie so hilfsbereit und nett ist, mein schlechtes Gewissen stieg dafür stieg ins unermesslich (und hält noch immer an...) Janu...


Am Abend dann trafen wir Timbre. Sie reist mit ihrem Mann nach Atlanta und die beiden arbeiten dort 6, 8, 12 oder mehr Monate. Sie wissen es noch nicht und für uns ist das ok, denn wir sind auch gern flexibel und nach der Horrornacht "Wir haben einen Jahresvertrag unterschrieben" war uns alles unstete mehr als willkommen :-) Jedenfalls begann sie die Tour durch ihr Haus so: Dieses Haus hat vor uns ein paar Junkies gehört und die haben das Haus fast getrasht". Türen und Fensterrahmen rausgerissen und auch sonst sehr unzimperlich mit Sachen umgegangen. So mussten Timbre und ihr Mann einiges flicken als sie das Haus kauften und sie noch immer dran. Das Dach ist nicht ganz dicht, an zwei Stellen muss man in der Regenzeit einen Eimer drunter stellen aber das Haus rockt! Es hat Charme!
Und es hat Möbel, Betten, Küchenausrüstung! Und es hat mit Abstand die grandioseste Terasse die wir je gesehen haben mit Blick direkt in den Sonnenuntergang! Und es hat HBO mit einem Supermegaflatscreen-TV, es hat Airport WLAN, es hat einen fetten Kühlschrank mit einem Ice-Crusher (auf das haben Josiah und ich uns besonders gefreut und wir waren enttäuscht, dass es im anderen Haus keinen hat. Ein Icecrusher ist so ein Teil das bei den Amis in den Kühlschrank eingebaut ist und direkt Eis rauslässt, crushed oder in Würfeln :-) Und aus unserem Schlafzimmer sehen wir direkt in die Ferne, super schön.





Warum haben wir uns nicht von Anfang an für dieses Haus entschieden? Erstens weil es kein Gästezimmer hat und doch schon ein paar Leute gesagt haben sie kämen uns besuchen. Aber oho, siehe da, es hat ja unten noch eine Grümpelkammer und als wir die bei unserem gestrigen Besuch zum ersten Mal sahen fragten wir Timbre ob wir den Grümpel nicht rausnehmen könnten und ein Büro (oder Gästezimmer?) draus machen könnten? Sure! But you do it! Sie hätte all die Schachteln schon dort reingeschleppt und wenn wir das zurückschleppen, no problem. Wir dürfen das Zimmer auch streichen, die Spanplatten rausbrechen, einen besseren Tisch reinmachen, sie bezahlen sogar das Material denn es wäre schon lange ihr Plan gewesen aus diesem Zimmer ein kleines Büro zu machen. Genial! Grund zwei warum wir nicht sofort zusagten: Weil wir ein bisschen Mühe hatten mit der Unsicherheit wann die beiden zurückkommen. Doch das war ja jetzt kein Thema mehr, siehe oben. Grund 3: Schlechtes Gewissen gegenüber der anderen Vermieterin mit der wir schon seit einer Woche verhandelten und sozusagen vor dem Abschluss standen. Können wir noch absagen? Tja, hätten wir doch... Und last but not least: Das Haus stand erst ab dem 1. September zur Miete frei und an diesem Tag muss ich ja in die Schweiz zurückreisen und wir wollten ja schon im August einziehen und uns installieren...
So endete der Abend bei einem Glas Wein auf ihrere Terasse und plötzlich kramte sie noch Gemüsesuppe hervor die sie tags zuvor gemacht hatte und lud auch noch die Nachbarn ein die auf demselben Grundstück wohnen. Super! Wir sind alle so erleichtert, dass wir dieses Haus nun zur Untermiete haben. Am Schluss übergab sie uns schon die Schlüssel und fand: Hey, ihr seid ja jetzt Homeless, wenn ihr vor dem 1. September kommen wollt, kein Problem, wir kommen sicher auch zu Viert gut zurecht...

Und so ging alles gut aus und wir sind entspannt in die Ferien nach Santa Cruz gefahren wo wir die nächste Woche biken werden und mal wirklich entspannen und ausspannen, keinen Stress mehr, nix mehr kaufen, organisieren, mailen, suchen, arbeiten, etc. Ferien!